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> Naturpark mit Geschichte

Erholung und Erbauung im Siebengebirge – einer 400 Millionen Jahre alten Landschaft

Abendstimmung im Siebengebirge
Siebengebirge
Drachenfels mit Schloss Drachenburg
Blick auf Königswinter mit Petersberg
Chorruine Heisterbach

„Im Fortissimo endet mit dem Siebengebirge der reliefbetonte, tief eingeschnittene Canyon des Mittelrheins, bevor sich eine Stromlandschaft zu behäbigen Largo des niederrheinischen Buchttieflandes weitet.“ So steht es in dem neuen, viel Wissenswertes vermittelnden Band „Das Siebengebirge – Natur, Landschaft, Kultur“ (Wienand Verlag Köln 2002) zu lesen. Mit den musikalischen Metaphern wird deutlich, dass das Siebengebirge, rheinabwärts betrachtet, den Schlussakkord jener dramatischen Landschaft setzt, die in Bingen beginnt und in Bonn endet.

Von nahem betrachtet, stellt das Siebengebirge als Naturraum eine eigene, deutlich abgegrenzte Landschaftseinheit dar. Mehr als vierzig Erhebungen, deren sieben bekannteste Drachenfels, Petersberg, Wolkenburg, Löwenburg, Nonnenstromberg, Lohrberg und Ölberg sind, charakterisieren die Landschaft. Mag sein, dass sich der Name von diesen sieben herleitet, vielleicht auch von dem Begriff Siefen (für schluchtartig eingetiefte Täler). Die markanten vulkanischen Kuppen und Kegel bilden die Idealkulisse einer romantischen Landschaft, die Generationen von empfindsamen Reisenden entzückte. Den ganz spezifischen Charakter dieser Landschaft macht aber nicht nur ihre Oberfläche, sondern ihr gelegentlich nach außen sichtbares Innenleben sowie ihr Untergrund aus: Er vermag dramatisches von einer Jahrmillionen alten Vergangenheit zu erzählen. Zum Beispiel, dass der Siebengebirgsraum einst eine tropische Küstenlandschaft war...

Vor 400 Millionen Jahren dehnte sich im Gebiet des heutigen Rheinischen Schiefergebirges ein flaches Gewässer – von den Abmessungen dem Mittelmeer vergleichbar – aus. So wurden kürzlich beim Bau der Tunnelröhren für die ICE-Trasse Frankfurt / Köln reichlich fossile Meerestiere gefunden: Muscheln, Haarsterne, Dreilappkrebse, Panzerfische... Zeitweilig breitete sich in der Vergangenheit hier auch großflächig eine Küstenvegetation aus, ähnlich den Salzwiesen am Saum der Nordseeküste. Später hat dann ein seitlicher Schub die ursprünglich horizontal abgelagerten Schichten zu engen Folgen von Wellen und Bögen verformt, etwa so wie sich eine Tischdecke in Falten legt. Und diese Gebirgsauffaltung dauerte nahezu hundert Millionen Jahre an. Wiederholt konnte in die während der Faltung entstehenden Gesteinsklüfte heiße Lösungen von Mineralverbindungen eindringen, die sich beim Abkühlen teilweise als Gangerze abschieden. Diese Erzlagerstätten sollten später die Grundlage für die viele Jahrhunderte umfassende Bergbautradition des Siebengebirges werden. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden im Einsiedlertal und im Schmelztal Blei-, Zink- und Kupfererze abgebaut. Doch greifen wir nicht vor...

Vom ausgehenden Erdaltertum bis zum Beginn der Erdneuzeit vor etwa 65 Millionen Jahren geschah vergleichsweise wenig, wenn man davon absieht, dass in diesen rund 220 Millionen Jahren das Faltengebirge zu einem Faltenrumpf schrumpfte. Dann aber, ein paar Millionen Jahre später, erhielt die Szenerie ein völlig neues Bild: Heftige Vulkanausbrüche bescherten dem Siebengebirge seine charakteristischen Kuppen und Kegel. Von mehr als 300 Ausbruchspunkten weiß die Wissenschaft. Und diese feurigen Spektakel begann vor etwa 25 Millionen Jahren.

Als erster erkannte der britische Diplomat Sir William Hamilton auf seiner Rheinreise 1722 die vulkanische Natur des Siebengebirges: Als Gesandter am Hof von Neapel war er einmal Zeuge eines Vesuv-Ausbruchs gewesen. Heute weiß man, dass in der Umgebung noch mehr Vulkanlandschaften entstanden sind: Die Vulkanberge aus dem Umfeld des Laacher Sees entstanden vor weniger als 50.000 Jahren. Noch jünger ist der Rodderberg am linken Rheinufer bei Mehlem: Er brach erst vor rund 35.000 Jahren aus....

Doch zurück in die Vergangenheit: Rund sieben Millionen Jahre tobte sich der Vulkanismus im Siebengebirgsraum aus, sein vielgestaltiges Relief unter anderem spricht dafür, dass diese Landschaft nicht in einem einzigen Ausbruchsereignis geformt wurde. Unter einem enormen Überdruck wurden Trachyttuffe aus dem Inneren der Erde heraus geschleudert, bekannteste Trachytkuppe des Siebengebirges ist der Drachenfels. In der nächsten feurigen Phase kamen Latittuffe zutage, später dann - als spezifisch schwerere Anteile aus den Magmenkammern – Basalttuffe. Noch heute wird übrigens bei Linz Säulenbasalt als Werkstein gebrochen.

Jahrhundertelang wurden die Vulkankuppen des Siebengebirges als Steinbrücke genutzt und lieferten Baumaterial für Römerlager wie für mittelalterliche Burgen und Kirchen. Der Kölner Dom ist zum großen Teil aus Trachyt erbaut, die Zisterzienserabtei Heisterbach wiederum aus Latiten.

Die hohen Abbauwände, die heute von der intensiven Steinbruchtätigkeit künden, haben - ungeachtet aller Beeinträchtigung der Landschaft - aber auch unverhoffte Einblicke in die Erdgeschichte ermöglicht und sind auch für interessierte Touristen heute – wie der ehemalige Basaltsteinbruch am Großen Weilbruch, der ehemalige Steinbruch am Stenzelberg oder der aufgelassene Steinbruch an der Nordwestflanke des Lohrberges – faszinierende geologische Anschauungsobjekte.

Bei genauerer Betrachtung der Kulturlandschaft Siebengebirge mit ihren Mischwäldern, Weinbergen und Streuobstwiesen weisen sich die ehemaligen Steinbrüche als ein wesentlicher Mosaikstein. Diese Eingriffe in die Naturlandschaft haben ökologische Nischen geschaffen, welche von neuen Pflanzen- und Tierarten genutzt werden. So sind beispielsweise in den unzugänglichen Steinbruchseen die Gelbbauchunken heimisch geworden. Und in durch untertägigen Abbau von Trachyttuff entstandenen Höhlen haben seltene Fledermausarten Überwinterungsquartiere gefunden.

So naturnah und unberührt das Siebengebirge auch anmutet, menschliches Wirken hat hier seit der Jungsteinzeit seine Spuren hinterlassen. Diesen Spuren zu folgen ist ein reizvolles Erlebnis, das sich schon Generationen von Einheimischen und auswärtigen Besuchern gönnten. Seit der aufkeimenden Rheinromantik hat das Siebengebirge eine bewährte Funktion als Erholungsraum. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten Verschönerungsvereine in Aktion, stoppten den Steinbruch, schufen die touristische Infrastruktur unter Nutzung technischer Innovationen – man denke nur an die Zahnradbahn zum Drachenfels - , legten Wanderwege an und machten die Nutzung der Natur breiteren Bevölkerungskreisen möglich.

Bereits 1836 wurden auf Intervention des preußischen Königs der Drachenfels zum Erhalt der denkwürdigen Ruine auf dem Gipfel und der malerischen Kulturlandschaft vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt. Fast hundert Jahre später wurde das Siebengebirge als eines der ersten deutschen Naturschutzgebiete per Deklaration vom 20. Januar 1923 ausgewiesen, nachdem der Staat 1920 eine Ermächtigung für die Ausweisung von Naturschutzgebieten erlassen hatte und bereits im Artikel 150 der Reichsverfassung von 1919 der Schutz von Denkmälern der Kunst, Geschichte und Natur als staatliche Aufgabe fest geschrieben worden war. Seit zwei Jahrhunderten schon ist das Siebengebirge Ort der Erholung und Erbauung, und schon früh war man bemüht diese Schönheit für kommende Generationen zu bewahren.

Heute ist der Naturpark Siebengebirge als Erholungsgebiet hervorragend erschlossen und von zahlreichen Wanderparkplätzen aus zugänglich - für geologisch, naturkundlich und kulturhistorisch interessierte Besucher ein faszinierendes Erlebnis.



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