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Seit mehr als 200 Jahren ist Bonn das Tor zum romantischen Rhein



Drachenfels im Siebengebirge
Rolandsbogen
Rheinschiff Filia Rheni

Selten wurde eine Landschaft so andachtsvoll betrachtet, so mitreißend beschrieben, so stimmungsvoll gezeichnet wie jene am Mittelrhein und Siebengebirge. Und noch heute reduziert sich der große Strom für viele Engländer, Amerikaner oder Japaner auf die Strecke zwischen Stromkilometer 528 (Bingen) und 654 (Bonn): Dies ist für ausländische Touristen der Inbegriff des deutschen, des romantischen Rhein.

Das Tal wird „immer enger, die Felsen schroffer und die Gegend wilder; und hier ist der Rhein am schönsten. Überall belebt durch die geschäftigen Ufer, immer neu durch die Windungen des Stroms, und bedeutend verziert durch die kühnen, am Abhange hervorragenden Bruchstücke alter Burgen, scheint diese Gegend mehr ein in sich geschlossenes Gemälde und überlegtes Kunstwerk eines bildenden Geistes zu sein, als einer Hervorbringung des Zufalls zu gleichen.“ Es war der Dichter und Philosoph Friedrich Schlegel, der diese Eindrücke 1802 auf seiner Reise von Köln rheinaufwärts über die Schweiz nach Paris gewann und ein Jahr später veröffentlichte.

Solche enthusiastischen Schilderungen aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts waren Anlass, 2002 das Jubiläum „200 Jahre deutsche Rheinromantik“ zu feiern und der Ursprünge des Rheintourismus sowie seiner frühen Reklameträger zu gedenken. Die ersten kamen übrigens bereits im späten 18. Jahrhundert aus dem Ausland an den Rhein, und verbreiteten begeistert ihre Erlebnisse. Zu den bedeutendsten „Werbetextern“ gehörte Lord Byron, dessen 1818 er-schienenes Gedicht vom turmgekrönten Drachenfels, das er in sein berühmtes Werk „Childe Harolds Pilgrimage“ einbaute und das in unzähligen Reiseführern erschien, viele seiner Landsleute zu einem Siebengebirgsbesuch animierte.

Das Siebengebirge und der Mittelrhein besaßen alle Ingredienzien, die der romantische Mensch zum Beginn des 19. Jahrhunderts an einer Landschaft schätzte: Eine dramatische Naturkulisse, die dieser Abschnitt des damals noch ungebändigten Stromes, eingezwängt zwischen schroffen Felsen und begrünten Bergen, bot. Dazu malerische Burgen und Kirchen aus der Zeit des Mittelalters, die - vielfach in Kriegen zerstört - nun als Ruinen an die Vergänglichkeit mahnten. Und nicht zuletzt faszinierte die Fülle von Sagen, die sich um Baudenkmäler oder Naturphänomene am Rhein rankten, etwa um Rolandsbogen, Drachenfels, Mäuseturm oder Loreley. Denn der Zeitgeist setzte – der edlen Einfalt und stillen Größe der Klassik und der kühlen Rationalität der Aufklärung überdrüssig – voll auf die Kraft des Gefühls, auf das Märchenhafte, Phantastische.

Clemens Brentano und Achim von Arnim sammelten auf ihrer Rheinfahrt im Jahr 1802 – „auf den Postschiffen ist ein herrliches Leben, ganz wie im Himmelreich, nur nicht umsonst“ - Sagen und Balladen, die sie später in „Des Knaben Wunderhorn“ zusammenfassten. Doch die Romantiker fanden nicht nur Sagen, sie erfanden sie auch. Keineswegs mythischen Ursprungs soll etwa die Sage von jenem Ritter Roland sein, der in seiner Burg Rolandseck aus Trauer über den Verlust seiner Geliebten verging: Sie war ins Kloster eingetreten, drunten, auf der Rheininsel Nonnenwerth... Vergleichsweise neu ist auch der Rolandsbogen selbst, romantischer Überrest der mittelalterlichen Höhenburg jenes traurigen Ritters: Die efeuumsponnene Ruine wurde 1840 vom Kölner Dombaumeister Zwirner rekonstruiert, nachdem das Original kurz zuvor in einer stürmischen Dezembernacht eingestürzt war. Das Geld für den Wiederaufbau hatte übrigens der Dichter Freiligrath mit einem ergreifenden Gedicht und einem Spendenaufruf zusammengebracht. Alles mit Gefühl!

Der Transfer der ästhetischen und stark emotionalisierten Vorstellungen vom Rhein durch die Literatur hatte schon im frühen 19. Jahrhundert die Reiselust intensiviert. Auch englische Maler, allen voran William Turner, hatten mit ihren Rheinansichten, die oft als Kupferstiche weite Verbreitung fanden, die Gegend populär gemacht. Etliche englische Maler ließen sich ständig am Rhein nieder - einige ihrer Bilder sind im Mittelrheinmuseum in Koblenz zu sehen, dazu Arbeiten Koblenzer Künstler, die im 19. Jahrhundert den Markt für gehobene Souvenirs entdeckten und Bilder im Reisetaschen gerechten Format für ausländische Touristen schufen. Der bei Turner wie bei seinen Nachfolgern oft zu künstlerischen Ehren gekommene Drachenfels schmückt längst Postkarten für die Besucher von heute – ein touristischer Mythos ist der Berg mit der Burgruine noch immer.

Beliebtes Motiv der Romantiker war auch die Marksburg hoch über Braubach, heute Sitz der deutschen Burgenvereinigung. Als einzige unzerstörte Höhenburg ist sie die meist besuchte am Rhein. Mit Rittersaal und Rüstkammer, Kemenate und Burgküche, Webstube und Schmiede dokumentiert sie anschaulich das Leben in alter Zeit. Präsentiert die Marksburg echtes Mittelalter, so fassen die Drachenburg im Siebengebirge oder Stolzenfels bei Koblenz romantische Vorstellungen von der Vergangenheit in Stein. Beide Schlösser zählen zu den bedeutendsten Denkmäler der Neugotik am Rhein.

In den Jahren 1882 bis 1884 ließ der gebürtige Bonner Stephan Baron von Sarter, als Finanzier zu Reichtum und Adelstitel gelangt, Schloss Drachenburg errichten. Allein 2,3 Millionen Ziegelsteine wurden in dieser repräsentativen Residenz verbaut, die als „rheinisches Neuschwanstein“ oder „Wallhalla der Rheinlande“ von vielen belächelt wurde. Nach gründlicher Restaurierung erfreut sich Schloss Drachenburg nun als virtuose Schöpfung des Historismus neuer Wertschätzung. Spiegelt es doch für den heutigen Besucher den großbürgerlichen Lebensstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Seit Dampfschiffe im Liniendienst den Strom befuhren und schließlich die Rheinroute durch neue Eisenbahnstrecken erschlossen wurde, stand dem Tourismus im großen Stil nichts mehr im Wege. Neue Hotels wuchsen bei den Schiffsanlegestellen und bei den Bahnhöfen empor, die sich häufig den durchaus treffenden Namen „Bellevue“ zulegten. In Bonn waren beispielsweise der „Schaumburger Hof“ und das "Rheinhotel Dreesen" beliebte Treffpunkte romantischer Dichter und Denker oder vornehmer Reisender aus Großbritannien oder den USA. Der amerikanische „Lederstrumpf“-Autor James Fenimore Cooper wiederum fühlte sich in seinem Gasthaus auf der Insel Nonnenwerth fast heimisch und in eine veritable Wildnis versetzt – „während der Rhein seufzend unter meinem Fenster vorbei fließt und der Drachenfels sich ganz im Mondlicht zeigt. Eine richtige Wildnis, bizarr geformt...“ Gasthofbesitzer Klein auf Nonnenwerth pries in Werbeblättern seine ideale Insel-Lage, konnten doch seine Gäste mit Booten oder Dampfschiffen herrliche Ausflüge unternehmen...

Sicherlich sind Schiffstouren auch heute noch eine der schönsten Arten, die Region intensiv zu erleben. Dampfer der weißen Flotte transportieren in der Saison täglich Ausflügler von Bonn ins Siebengebirge, nach Koblenz und weiter den Mittelrhein hinauf. Gemächlich durch diese Landschaft zu gleiten, ist bezaubernd. Das Rheintal zwischen Bonn und Bingen ist über weite Strecken eine romantische Landschaft mit Gefühlswerten geblieben.



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